Mittwoch, 10. Februar 2010

Widerstand (gekürzte Fassung)

Der Deutsche ist – und das wissen die wenigsten – ein Widerstandskämpfer. Das war er immer und wird es wahrscheinlich auch in Zukunft sein. Das zeigt schon die Geschichte dieses widerspenstigen Volkes, haben doch die alten Germanen im Jahre Neun nach der Geburt des seligen Christus bereits die damalige Weltmacht Rom – nicht die USA - aus ihrem Territorium rausgeschmissen. Oder wenigstens aus großen Teilen davon. Außerdem zwangen diese zivilisationsresistenten Barbaren, die die Vorfahren der Deutschen nun mal waren, zum Bau einer Mauer. Diese Mauer hieß nicht, so wie eine spätere, „Antifaschistischer Schutzwall“ sondern Limes, erfüllte aber ungefähr die gleiche Aufgabe, nur anders herum.

Am ehesten erkennt man den illegalen Widerstand in diesem Volk an zwei Phänomenen. Beim ersten waren es die Amerikaner, Russen, Engländer und Franzosen, die nach dem zweiten Weltkrieg mit der Entnazifizierung beginnen wollten und keine Nazis zum entnazifizieren fanden. Alle waren Gegner des Regimes, welches der österreichische Anstreicher im Gefreitenrang errichtet hatte. Zwar nur im Stillen, aber man war dagegen. Das konnte man natürlich nur durch heimliche Sabotage, etwa durch den fleißigen Besuch von Parteiversammlungen der NSDAP oder noch fleißigeres Bejahen der Frage, ob man denn den totalen Krieg wolle, zeigen. Wie sonst sollte man denn zeigen, dass man dagegen war? Schließlich ist – mit aller Wahrscheinlichkeit – das Stauffenbergattentat nur daran gescheitert, dass zu wenige Widerstandskämpfer in die Sache eingeweiht waren.

Das zweite Phänomen war zweifellos die DDR mit siebzehn Millionen illegalen Widerstands- und Freiheitskämpfern. Vierzig Jahre lang sah man – nach einbrechen der Dunkelheit – subversive Gestalten, die sich in Kneipen trafen, um dort den Widerstand zu organisieren. Zwar war das als geselliges Zusammensein und fröhliche Runde getarnt, aber schon der Austausch von Informationen, wo es gerade was gab, zeigte den ungebrochenen Freiheitswillen und ließ die Staatsführung trotzdem in dem Glauben, dass alles in Ordnung sei. Natürlich nur aus Sabotage wurden die Zahlen der Betriebe schöngerechnet und auf Transparenten gezeigt, wenn ganze Betriebe geschlossen zu den Großdemonstrationen gingen, um der Regierung zuzujubeln. Das geschah freilich nur, um die Regierenden in Sicherheit zu wiegen, bevor man zum großen Schlag ausholen würde. Das dabei Mathematische Wunder passierten, störte dabei nicht wirklich. Die Betriebe hatten ihr Plansoll um mindestens einhundertvierzig Prozent übererfüllt, die Regierenden waren sich ihrer Sache sicher und die Konspirativen konnten weiterkonspirieren.

Dass auch die bekannten Künstler aktiv am Kampf gegen das System kämpften, verdeutlicht das folgende Interview, welches etwa zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR geführt wurde.

Interviewer:
Guten Tag Herr Müller
Herr Müller:
Guten Tag.
Interviewer: Herr Müller, Sie waren in der DDR der Frontmann der bekannten Band „Vorwärts!“. Sie behaupten, dass Ihre Band sich aktiv am Kampf für Freiheit und Menschenrechte in der DDR eingesetzt hat.
Herr Müller: Das ist richtig. Unsere Band hatte es sich zum Ziel gemacht, die Menschen wachzurütteln, die verborgenen Kräfte zu einen und für den gerechten Kampf zu mobilisieren.
Interviewer: Wie genau taten Sie das?
Herr Müller: Durch verborgene Botschaften in unseren Texten. So gibt es in unserem Lied „Ich träume immer noch von Dir“ die wichtige Textzeile: „Ich lief die Straße entlang“.
Interviewer: Sein Sie mir nicht böse, aber ich kann darin keinen Widerstand oder einen Aufruf dazu entdecken.
Herr Müller: Aber das ist doch ganz klar: Ich lief die Straße entlang! Verstehen Sie das wirklich nicht?
Interviewer: Nein.
Herr Müller: Das kommt daher, dass Sie aus dem Westen sind. Sie können eben nicht mehr verborgene Botschaften heraushören.
Interviewer: Und worin liegt die?
Herr Müller: Also: Ich lief die Straße entlang. Es heißt ja nicht, dass ich alleine die Straße lang lief, sondern bedeutet, dass mit mir sind Millionen anderer Leute gegangen sind um gegen das System zu demonstrieren.
Interviewer: Soweit ich weiß ist das Lied „Ich träume immer noch von Dir“ ein Liebeslied...
Herr Müller: Genau das ist es ja. Somit haben wir die Bonzen eingelullt...
Interviewer: Andere Frage: Soweit ich weiß, hatten Sie auch mehrere Auftritte im Westen. Wie kam das?
Herr Müller: Unsere liebe Staats- und Parteiführung schickte uns in den Westen um zu zeigen, dass auch bei uns gute Rockmusik gemacht wurde. So eine Art Kulturaustausch.
Interviewer: Einen Teil der Gage bekamen Sie in harter Währung ausbezahlt...
Herr Müller (entrüstet): Das mussten wir annehmen, Stellen Sie sich vor, wir hätten den Bonzen dieses Geld überlassen! Wir hätten doch damit dieses Unrechtsregime unterstützt! Also haben wir widerwillig das Westgeld genommen um die Wirtschaft des Regimes zu untergraben...
Interviewer: Und die Autos, die die Mitglieder Ihrer Band auf Vorkaufsrecht erhielten? Das waren doch auch Westfabrikate...
Herr Müller: Hätten Sie es lieber gehabt wenn irgendwelche Stasileute die bekommen hätten? Also mussten wir die auch – wohl oder übel – nehmen...
Interviewer: Da fällt mir ein, dass Ihr Schlagzeuger ja inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gewesen ist...
Herr Müller: Das war doch unsere Form von Widerstand: Wir haben die Stasi unterwandert. Geheimdienste schleusen auch Leute in missliebige Organisationen ein um sie zu sabotieren. Wir haben es nur anders herum gemacht...
Interviewer: Aber durch Ihren Schlagzeuger und seine Informationen wurden, wie erst jetzt bekannt wurde, zwei Menschen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Wie stehen Sie dazu?
Herr Müller: Das war von ihm geplant. Vergessen Sie bitte nicht, dass die beiden später vom Westen freigekauft wurden. Wie sonst hätten wir den beiden, mit unseren bescheidenen Mitteln, zur Freiheit verhelfen sollen?
Interviewer: Warum sind Sie eigentlich nicht nach einem Gastspiel im Westen geblieben, etwa wegen Ihrer Privilegien, die Sie hatten?
Herr Müller (aufbrausend): Das sind typisch die Leute aus dem Westen! Immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen anstatt Widerstand zu leisten! Privilegien? Damit meinen Sie wohl diese unheimliche Last, die wir damals auf uns luden und die wir getragen haben um das System zu stütz... äh, zu stürzen... Ich habe jetzt auch keine Zeit mehr für Sie!
Interviewer: Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Herr Müller: Ich lief die Straße entlang...

Der Deutsche ist halt ein Widerstandskämpfer. Und die Mittel, die er für seinen Kampf wählt, sind vielfältig.

©Thomas Matzka/Jimi Desaster

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